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Joe Strummer hat irgendwann in den 70ern mal gesagt, er möchte keine Liebeslieder mehr schreiben, weil zu diesem Thema bereits alles gesagt sei. Wer von Liebe singt, könne nur im Klischee enden.

Leider konnte er „Nacht“ vom zweiten Kettcar-Album „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ nicht mehr hören, das drei Jahre nach seinem Tod erschienen ist. „Meine Welt aufgehoben und ich/ kann die Welt in drei Wörtern erklären/ wenn ich denn müsste … dort hinten wird’s hell“, singt Marcus Wiebusch da – und widerlegt mal eben den Clash-Sänger.

Noch mal knapp fünf Jahre später erscheint „Nacht“ ein zweites Mal, auf der Live-CD „Fliegende Bauten“. Und dieses Mal spielen sogar die Geigen mit voller Breitseite dazu. Doch mit Kitsch und Klischee hat das immer noch nichts zu tun.

Livealben machen Bands in der Regel, um in der langen Zeit zwischen zwei Studioplatten noch ein paar Euro zu verdienen. Kettcar waren sich dafür immer zu schade, obwohl es Anlässe genug gegeben hätte: Festivalauftritte irgendwo im Süden etwa, als der Fanchor bei „Landungsbrücken raus“ sechzehneinhalbmal so laut war wie die Band selbst. Oder der ausverkaufte Tourmarathon zur Veröffentlichung von „Sylt“ – in zehn Tagen durch sieben verschiedene Clubs ihrer Heimatstadt Hamburg.

Es musste erst etwas ganz besonderes passieren, bis Kettcar weich wurden: Im Rahmen des Sommerfestivals spielten sie ein Sonnenaufgangskonzert in der großen Halle des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel. Für diesen Anlass schrieben sie gemeinsam mit Michael Hagel neue Arrangements, um die bekannten Kettcar-Songs mit akustischen Instrumenten und einem Streicherquartett zu geben. Auf der vor kurzem erschienenen DVD „Live auf Kampnagel – 5:43“ ist der magische Moment festgehalten, in dem das riesige Tor hinter der Bühne aufgeschoben wird und die Morgensonne das Bühnenlicht überflüssig werden lässt.

Doch der neue Blick auf die alten Songs war viel zu gut, um ihn einmalig sein zu lassen. Im November 2009 gingen Kettcar zusammen mit dem Streicherquartett auf eine Tour jenseits der üblichen Rockschuppen. An sechs Abenden spielten sie in Kirchen, bestuhlten Konzerthäusern – und eben auch in dem wunderschönen Hamburger Kulturzelt Fliegende Bauten.

So ist „Fliegende Bauten“ eben nicht eines dieser verkappten Best-of-Alben mit Jubelgeschrei der Fans. Die Songs sind wohlvertraut, doch es gibt an ihnen jetzt vieles zu entdecken, was man vorher noch nicht wahrgenommen hat. Vor allem sind es die trotz ihrer Einfachheit so intelligenten und entlarvenden Texte von Marcus Wiebusch, die durch die Arrangements mit neuen Akzentuierungen freigelegt werden und stärker in den Vordergrund treten.

Da gibt es plötzlich nicht mehr den Hauch einer Chance auf Ablenkung, wenn sich bei „Fake for real“ ein Herz inmitten einer Welt der neoliberalen Zumutungen zusammenkrampft. Kettcar holen „Hauptsache glauben“ in ihr Set zurück, und man könnte meinen, Wiebusch hätte damals schon vorausgesehen, wie sich in den Jahren danach scheinbar unumstößliche Wahrheiten verabschieden. Und wer hätte gedacht, dass man den Trennungsschmerz vom „Balkon gegenüber“ noch intensivieren kann?

Und dann ist da „Nacht“. Hätte Joe Strummer diese Aufnahme noch hören können, er hätte Tränen in den Augen gehabt. Und das ganz bestimmt nicht, weil er vor mehr als 30 Jahren einfach falsch lag.

Aus den letzten acht Jahren können Band und Fans sicher von vielen großen „Money left to burn“-Momenten erzählen. Unvergessen etwa die Kettcar-Bootstour im Juli 2003, als die Band mit ein paar Hundert Fans durch den Hamburger Hafen schipperte und „Money left to burn“ anstimmte, während die gigantischen Blankeneser Villen am Elbufer vorbeizogen. Natürlich passte die wütende „die wenigen da drinnen und die vielen hier draußen“-Hymne auch damals schon in die Zeit, als sie 2002 zum ersten Mal auf dem Debütalbum „Du und wieviel von deinen Freunden“ erschien. Doch heute erweist sich der Song angesichts der Finanzkrise als geradezu prophetisch. Der allergrößte Moment kommt erst jetzt.

Für das Sonnenaufgangskonzert in der großen Halle des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel haben Kettcar gemeinsam mit Michael Hagel neue Arrangements für die alten Hits geschrieben. Weil das war zu schön war, um einmalig gewesen zu sein, sind sie mit Streicherquartett und akustischen Instrumenten im November 2009 noch einmal auf Tour gegangen. Und weil das auch zu schön war, um sechsmalig gewesen zu sein, gibt es jetzt die Live-CD „Fliegende Bauten“.

Völlig klar, dass die Wahl für die Single auf „Money left to burn“ fiel. Auch wenn die Ironie gar nicht größer sein kann, und Kettcar schon immer nichts ferner lag, als peinlich bemüht auf ironisch zu machen. Den Text musste Sänger Marcus Wiebusch nicht verändern, schließlich ist der Song heute aktueller als je zuvor. Doch jetzt spielen die Geigen den Soundtrack zum Untergang. Wobei klar ist, dass es hier nicht ums Jammern geht. „Money left to burn“ ist das Gegenteil von Jammern, es ist ein Jetzt-erst-Recht. Nach der Krise kommt die Hymne für all die, die schon immer einiges anders gesehen haben. Die Geigen spielen schließlich immer dann, wenn man sich findet. Und man findet da draußen immer mehr, für die Glücklichsein nichts mit Aktienkursen zu tun hat.
Single: "Money Left To Burn (live @ Fliegende Bauten)" (VÖ: 22.01.2010)
Album: "Fliegende Bauten (live)" (VÖ:22.01.2010) // DVD: “Live auf Kampnagel 5:43 a.m.” (VÖ: 06.11.2009)
www.kettcar.net
www.ghvc.de
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