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Sie gehören nicht zum großen Hype der 80s-Derivate und sie wurden nie als „das neue Ding“ bezeichnet, aber sie besitzen seit einigen Jahren Ausnahmestatus in der Musikwelt und der Alternativ-Szene. Das Gebiet von ARCHIVE sind komplexe Strukturen mit progressiven Anleihen, weite Klanglandschaften auf schwer gleitendem, rhythmischen Fundament und ein Hang zu Melodien, die den Zuhörer mit ihrer Intensität auch schon mal in den emotionalen Würgegriff nehmen. Jetzt kommen ARCHIVE zurück. Die erste Single ihres neuen Albums heißt „Bullets“ und der Radio Edit wurde von niemand geringerem als Marius de Vries abgemischt.

Zwischen Elektronik und progressivem Rock, HipHop und akustischem Songwriting haben ARCHIVE ein musikalisches Universum geschaffen, das seinen eigenen Gesetzmäßigkeiten gehorcht. Auch ihr sechstes Studioalbum Controlling Crowds pulsiert in der Spannung zwischen Hell und Dunkel, Melodie und Noise, Aggression und Transzendenz.

Rockgitarren lassen Raum für Rap, Synthesizer vereinen sich mit der Kraft der Gitarren und vertrackte Beats wechseln sich mit kompromissloser Geradlinigkeit ab. So klingen ARCHIVE im Jahre 2009, fast 15 Jahre nach Gründung der Band durch Danny Griffiths und Darius Keeler.

Controlling Crowds ist ein Opus in vier Teilen, wenn man so will eine Suite über den unbezwingbaren Drang des Menschen, alles auf der Welt um jeden Preis unter seine Kontrolle zu bringen. Dementsprechend sind die großen Themen auf Controlling Crowds Liebe, Krieg, Frieden, Chaos, blinder Hass und spirituelle Ekstase. Mit anderen Worten: ein Album, das versucht, die Komplexität der Welt auf 13 Songs in einen Rahmen zu bringen. Ein ambitioniertes Verfahren, das allerdings durchaus Wirkung zeigt und den Hörer auf einen Trip nimmt, der rauschhaft durch fast 80 Minuten Musik führt.

Das Album erscheint in zwei Formaten, nämlich als „reguläre“ Einzel-CD und als spezielle Doppel-CD-Edition mit einer Zusatzsektion, die das Video zur Single Bullets und ein „Making Of…“ enthält. Auf Disc 2 befindet sich zudem der vierte Teil der Controlling Clouds-Saga, ein orgiastisches Uptempo-Inferno, das den Zyklus abschließt.

Danny Griffiths und Darius Keeler bilden bis heute den Kern des Projekts, das allerdings der Idee eines gut funktionierenden Kollektivs noch nie so nahe kam wie auf Controlling Crowds. Pollard Berrier und Griffiths’ langjähriger musikalischer Kollaborateur Dave Pen teilen sich weitgehend den Einsatz am Mikro und waren auch intensiv am Kompositionsprozess beteiligt. Ebenfalls auf Controlling Crowds zu hören ist Maria Q, die mit Dave Pen zusammen schon seit 2004 zur Live-Besetzung ARCHIVEs gehört und dem Sound ARCHIVEs eine zusätzliche Dimension verleiht. Die große Überraschung: Nach über zehn Jahren hat sich auch das ursprüngliche Gründungsmitglied Rosko John wieder zur Band gesellt, seines Zeichens ein überzeugender Rapper, der perfekt die Verbindung zwischen dem elektronischen Rockfeeling und den HipHop-Vibes zieht. Aufgenommen in den Dairy Studios, Brixton, erhielt Controlling Crowds durch ein komplettes Orchester und einen 32-köpfigen Chor zudem eine stark erweitertes Soundscape.

Ihren Anfang setzten ARCHIVE, genauer gesagt Danny und Darius, schon 1996 mit dem triphoppigen Londinium, auf dem Rosko John die Raps lieferte und Sängerin Roya für die Melodien sorgte. Doch ARCHIVE setzten von vornherein auf das Konzept der wechselnden Sänger, und so engagierten sie Sängerin Suzanne Wooder für das opulent-sinfonische Take My Head (1999). Mit dem dritten Album You All Look The Same To Me (2001) verließ die Band die Pfade des TripHop und entwickelte jenen Sound, der von nun an ARCHIVEs Markenzeichen werden sollte: Relaxte aber kraftvolle Grooves, komplexe und atmosphärische Songstrukturen und die Fähigkeit gnadenlos zu rocken, wenn es an der Zeit dazu ist. Die Vocals auf dem Album stammten von Craig Walker, der auch auf dem Album Noise (2004) zu hören war. Zwischendurch, im Jahr 2003, zogen ARCHIVE sich in die Normandie zurück und arbeiteten am Soundtrack zu Michel Vaillant, der Kultcomic-Verfimung durch Louis-Pascal Couvelaire und Pierre Ange.

Eine Überraschung war das 2004 veröffentlichte Album Unplugged, das ARCHIVE von einer höchst intimen Seite zeigte und die Songs der Band auf ihr innerstes Gerüst reduzierte. In geschickt arrangierten Unplugged-Versionen offenbarte sich die Musik ARCHIVEs als feinmaschiges Geflecht von Melodie und Akkorden, das auch ohne elektronischen Überschwang eine starke emotionale Wirkung erzeugt. Craig Walker verließ ARCHIVE nach der Aufnahme und räumte den Platz vor dem Mikrophon schließlich für Pollard Berrier, der auf Lights (2006) sein Debüt als ARCHIVE-Mitglied feierte. Lights war ein weiterer Schritt nach dem emotionalen Trip von Noise und Unplugged: ARCHIVE fanden zurück zum Pop und festigten ihren Ruf als außergewöhnlich vielseitige und tiefgreifende Band, die ihr Publikum bemerkenswerterweise vor allem in Frankreich findet, wo sie bis zu 6000 Fans in die großen Hallen locken. Wie intensiv ihre Shows wirken, dokumentiert die Live-CD/DVD Live At The Zenith, die während einer komplett ausverkauften Tour im Januar 2007 in Paris mitgeschnitten wurde.

In dieser Aufstellung, zuzüglich der beißenden Raps von Rosko, sind ARCHIVE heute aufgestellt und beweisen, dass eine fruchtbare Weiterentwicklung auch nach anderthalb Jahrzehnten stattfinden kann. Controlling Crowds ist zudem ein Monument an Konzeptionalität und der vielschichtigen Verwendung von unterschiedlichsten Sounds. Ein Album, das der Gewöhnung bedarf, aber durchaus in der Lage ist, Hörgewohnheiten zu verändern und Genre-Mauern niederzureißen.
Single: "Bullets" (VÖ: 08.05.2009)
Album: "Controlling Crowds" (VÖ: 22.05.2009)
www.archiveofficial.com
www.warner-music.de
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